„Ein Olympiasieg ist nicht genug“

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Vasily Petrenko dirigiert Schostakowitsch

Vasily Petrenko gehört zu jener Handvoll Nachwuchs-Dirigenten, um die sich gerade alle Orchester reißen. Der 1976 geborene Russe leitet seit 2006 das älteste Orchester Großbritanniens, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, mit dem er 2009 bis 2014 einen hochgelobten Zyklus aller Schostakowitsch-Symphonien (für Naxos) aufnahm. Außerdem ist er Chefdirigent der Osloer Philharmoniker (seit 2013) sowie Erster Gastdirigent des Michailowsky-Theaters in St. Petersburg. Arnt Cobbers traf ihn Ende 2013 für ein kurzes Gespräch vor einer Anspielprobe mit dem WDR-Sinfonieorchester. Petrenko wirkt sehr unkompliziert und spricht ganz gut Deutsch, wollte das Interview aber lieber auf Englisch führen.

Herr Petrenko, warum haben Sie als Ihr erstes großes CD-Projekt einen Schostakowitsch-Zyklus aufgenommen?
Das ist Musik aus meiner Heimatstadt. Wenn ich diese Musik dirigiere, sehe ich vor meinem inneren Auge St. Petersburg oder Leningrad. Außerdem finde ich, dass Schostakowitschs Musik mehr Aufmerksamkeit verdient. Natürlich werden seine Symphonien gespielt, aber meist nur die Nr. 5, die Zehnte und die Leningrader. Ich wollte zeigen, dass der ganze Zyklus großartige Musik enthält. Bislang sind Symphonien von verschiedenen Dirigenten in phantastischer Qualität aufgenommen worden, aber es gibt keinen ganzen Zyklus von durchgängig höchster Qualität. Solch ein Niveau anzustreben war mein Ziel.

Dennoch: Warum gerade Schostakowitsch? Es gibt doch viele Komponisten aus St. Petersburg. 
Schostakowitschs Musik spiegelt die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es gibt einige Komponisten aus St. Petersburg, aber nur er verbrachte bis auf die Jahre der Evakuierung sein ganzes Leben dort. Selbst nachdem er offiziell nach Moskau gezogen war, wohnte er ganz überwiegend in Leningrad. Ich bin ein knappes Jahr nach seinem Tod geboren, und ich kann mich an die Stimmung in der Stadt, wie Schostakowitsch sie erlebt hat, gut erinnern. Deshalb ist er mir vermutlich näher als ältere Komponisten.

Schostakowitsch hat mit seiner Doppelbödigkeit die Zensoren häufig an der Nase herumgeführt. Besteht nicht die Gefahr, dass unwissende Hörer seine Musik ebenfalls falsch verstehen? 
Man muss eine Menge wissen, wenn man diese Musik interpretiert und dirigiert. Aber als Zuhörer nicht. Man fühlt, wie sie gemeint ist. Die meisten seiner Symphonien schlauchen einen, sie erschöpfen einen, wenn man zuhört. Aber im Gegenzug reinigen sie den Geist – durch das Leid, den Schmerz, den Schostakowitsch in seinem Leben in großem Maße erfahren hat. Deshalb wirkt seine Musik wie Medizin. Ich dirigiere die Symphonien oft, und immer wieder sagen mir Leute, dass sie am nächsten Morgen erstaunliche Gefühle haben, vergleichbar nur nach großen Mahler-Aufführungen. Diese beiden Komponisten verbindet vieles. Vor allem in dem Sinne, wie sie die Menschen beeinflussen, sind sie einander sehr ähnlich.

Sehr biografisch, aber doch allgemeingültig. 
Schostakowitschs Musik spiegelt die Geschichte eines Künstlers im 20. Jahrhundert, in einer sehr dramatischen Zeit. Er litt, er war glücklich, er feierte Siege und Niederlagen, er wurde unterdrückt. Aber er war auch ein einfacher Mensch, ein sehr introvertierter Mann, und er lebte ein sehr bescheidenes Leben, obwohl er es sich zumindest in späteren Jahren hätte gut gehen lassen können. Musik ist so eine universelle Sprache, man versteht ohne große Vorbildung, was gemeint ist. Natürlich entdeckt und versteht man mehr, je tiefer man geht. Aber um die Emotionen zu verstehen, ist das nicht nötig.

Warum ist nach Schostakowitsch die Tradition der Symphonie weitgehend abgebrochen? 
Das ist sie doch gar nicht. Ich habe letztens die Uraufführung der neunten Symphonie von Peter Maxwell Davies dirigiert. Immerhin eine neunte Symphonie. Noch immer werden Symphonien geschrieben. Vielleicht nicht mehr in dieser Zahl und von solchem Gewicht. Der Prozess des Komponierens hat sich verändert. Schostakowitsch hat seine Symphonien ohne Druck geschrieben. Die Leute haben von ihm Symphonien erwartet, aber es waren keine Auftragswerke. Um Geld zu verdienen, hat er Filmmusik und ähnliches geschrieben, ebenfalls brillante Musik. Die Symphonien hat er für die Zukunft komponiert, die sollten ihn überleben. Das kann sich heute kaum ein Komponist mehr leisten. Heute werden fast nur noch Auftragswerke geschrieben. Die meisten großen Komponisten der Vergangenheit haben ihre Symphonien aus einem inneren Antrieb heraus und nicht als Auftragswerke geschrieben. Das geht heute kaum noch. Und vielleicht ist unsere Zeit auch zu schnelllebig geworden. Wir haben immer noch viel Drama um uns herum, aber alles passiert wahnsinnig schnell. Da gibt es den furchtbaren Taifun auf den Philippinen, und drei Tage später richtet sich die Aufmerksamkeit schon wieder auf etwas ganz anderes. Zu Beginn und selbst in der Mitte des 20. Jahrhunderts war das Tempo noch relativ moderat, all die Tragödien und Dramen und Siege bestimmten das Leben der Menschen für viel längere Zeit – und sie wurden in der Musik reflektiert. Vielleicht ist die große symphonische Form nicht mehr adäquat, vielleicht brauchen wir heute andere Formen.

Sie dirigieren viel russische Musik. Weil die Ihnen am nächsten ist, oder weil der Markt Sie darauf festlegt? 
Ich liebe russische Musik, aber ich versuche dem Trend zu widerstehen, dass ein russischer Dirigent russische Musik dirigieren muss. Nach dem Erfolg des Schostakowitsch-Zyklus werde ich natürlich von vielen Orchestern angefragt, Schostakowitsch zu dirigieren.

Man hört immer nur die Werke einer Handvoll russischer Komponisten. Gibt es da nicht viel mehr zu entdecken mit Glasunow, Borodin, Myaskowski und anderen? 
Die Welt ist konservativ. Ich wollte mal mit einem deutschen Orchester Hindemith spielen, einen der großen deutschen Komponisten. Das Orchester hat abgelehnt mit dem Argument: Da kommt niemand.

Warum haben Sie neben Ihrem Posten in Liverpool noch einen zweiten Chefposten, in Oslo, übernommen. Gehört das zu einer erfolgreichen Dirigenten-Biografie? 
Nein, das nicht. Es gab einige Orchester, die mich in den letzten Jahren verpflichten wollten – ich habe immer abgelehnt. Zum Osloer Orchester hatte ich von Anfang an eine starke Beziehung. Außerdem ist Oslo nicht so weit von Liverpool entfernt. Ich reise so viel, dass es schön ist, zwei Standorte zu haben.

Bietet Ihnen nur ein festes Orchester zu wenige Möglichkeiten? 
Im Hinblick auf das Repertoire: ja. Wenn man Gast ist, muss man viele Kompromisse eingehen: Der Chefdirigent wählt zuerst aus, das Orchester hat Wünsche, das Publikum hat Erwartungen. Wenn man Chef ist, kann man eher machen, was man wirklich will. Und weil ich so viel machen möchte, habe ich natürlich mehr Möglichkeiten mit zwei Orchestern. Als Chefdirigent kann man jede Woche auf dem aufbauen, was man in der Vorwoche erarbeitet hat. Dieses Gefühl einer echten Zusammenarbeit über eine lange Zeit hinweg ist großartig. Zu sehen, wie man das Publikum bewegen kann, wie es reagiert und mitzieht. Das ist mehr Arbeit, als wenn man nur Gast ist. Andererseits hält es einen wach, immer wieder zu neuen Orchestern zu kommen. Als ich vor acht Jahren in Liverpool begann, habe ich bei jedem Orchester, bei dem ich gastierte, geschaut, was ich mir abgucken kann, was ich nach Liverpool übertragen sollte. Und das wurde mit der Zeit immer weniger – ein Zeichen, dass das eigene Orchester immer besser wurde. Hundert Leute zu managen, die zwar zusammenarbeiten wollen, aber doch Individuen sind, ist spannend.

Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste, um als Dirigent Karriere zu machen? 
Ein großer Dirigent, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal gesagt: Es braucht 95 Prozent harte Arbeit und 5 Prozent Talent. Das Problem ist: Man muss diese 95 Prozent ausarbeiten, um festzustellen, ob man die 5 Prozent Talent hat. Und wenn nicht, geht es nicht. Es ist wahnsinnig schwer, diese 5 Prozent von Anfang an einzuschätzen. Außerdem muss man Perfektionist sein. Man muss jeden Tag besser sein wollen als gestern. Nur in diesem dauernden Streben, besser zu werden, hat man eine Chance. Das andere ist: Es ist ein hartes Leben, dem man sich völlig hingeben muss. Man darf sich nicht vorstellen können, nicht Dirigent zu sein. Selbst wenn du Olympiasieger in welcher Sportart auch immer wirst, darf dich das nicht befriedigen – weil du eigentlich Dirigent sein willst. Das ist vielleicht der Schlüssel zu den meisten erfolgreichen Karrieren. Und dann spielt natürlich das Glück, wie überall, eine große Rolle. Der Zug des Lebens kommt vorbei, und du musst eine Tür wählen und darauf vertrauen, dass es die richtige ist.

Sie haben inzwischen die meisten berühmten Orchester dirigiert. Wie wählen Sie Ihre Engagements aus? 
Mir geht es nicht mehr um die großen Namen. Ich möchte mit Leuten arbeiten, mit denen ich Freude habe zu arbeiten – und die wirklich mit mir arbeiten wollen. Es gibt so viele großartige Orchester, das ist verrückt.

Mariss Jansons sagt: Es gibt nur eine Handvoll Orchester in der Welt, die wirklich großartig sind. 
Das ist eine Frage der Definition. Das ideale Konzert liegt immer noch vor mir – vielleicht werde ich es nie erleben. Bei jedem Orchester sieht man Dinge, die man verbessern könnte. Aber das Niveau der Musiker, ihr Talent, ihre Fähigkeiten, ihr Anspruch, ist in vielen Orchestern überwältigend. Wenn man fühlt, dass man zusammengekommen ist, um gemeinsam Musik zu machen und wirklich daran zu arbeiten, ist das einfach eine große Freude. Jedes Orchester spielt mal besser und mal schlechter, das ist menschlich. Wenn man über die Qualität eines Orchesters spricht, ist für mich die untere Linie wichtig, unter die es niemals fällt. Die wirklich guten Orchester werden nie unter einen ziemlich hohen Standard fallen. Und selbst wenn sie den Dirigenten nicht mögen oder andere musikalische Ideen haben, werden sie ihn dennoch im Konzert unterstützen. Oh, das Orchester stimmt. Wir müssen Schluss machen.

- Arnt Cobbers 2013


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