Eine Nummer zu groß, aber besser als Hollywood

 Giulioe

Premierenkritik:
Händels Giulio Cesare in Egitto
an der Komischen Oper Berlin

Das Beste sind die Arien, heißt es über Händel und gerade über Giulio Cesare, seine prächtigste, erfolgreichste Oper. Aber hier ist das Bühnenbild das Beste. Die Inszenierung der Amerikanerin Lydia Steier protzt geradezu mit Gold und Brokat, und sie protzt dermaßen geschmackvoll, dass Hollywoods Monumentalfilm dagegen unecht aussieht. Man wünscht Liz Taylor eine Wiederauferstehung, nur damit sie noch einmal im Outfit der Kostümbildnerin Ursula Kudrna und in den Kulissen der Bühnenbildnerin Katharina Schlipf umherwandeln könnte als zeitgemäßer Upgrade Cleo 2.0. 


Obwohl diese Neuinszenierung nicht am Nil spielt, ist Cleopatra eindeutig als ägyptische Königin zu identifizieren, und es gibt auch einen antiken Streitwagen, einen Caesar hoch zu Ross und possierliche Krokodile, die sich wohl irgendwie vom Naturkundemuseum bis zur Behrenstraße durchgeschlagen haben. Das alles ist wunderbar auf Optik gestellt, wird aber noch übertroffen von der Festtafel im 1. Akt, die aussieht, als hätte sie ein Alter Meister gemalt. Natürlich hält das hedonistische Bild nicht lange durch; bald werden die Obstschalen vom Tuch gefegt, kullert der Kopf des Pompeo über den Teppich, kommt es im Hinterzimmer zu veristischen Folterszenen. Steier erzählt eine plausible Geschichte. Und zahm ist ihre Regiearbeit keineswegs, auch wenn sie schön ist.

Kommen die Sänger da mit? Es gelingt nicht allen, aus dem übermächtigen Bildwerk herauszutreten und positive Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Joyce DiDonato steht nicht auf der Bühne, und selbst zwei Countertenöre waren dem Haus zu teuer. Eigentlich angenehm, Händel mit modernen Stimmen zu hören, dazu auf Italienisch, was für die Komische Oper eine kleine Revolution bedeutet. Man hat in den richtigen Topf gegriffen, aber leider das falsche Los gezogen; Dominik Köninger (Giulio Cesare) scheitert an den mit Koloraturen gespickten Arien auf bemitleidenswerte Weise und kann diese zentrale Rolle des Stückes nicht ausfüllen. Anna Bernacka (Ptolomeo) und Günter Papendell (Achilla) sind in den bösen Rollen dafür umso überzeugender; Valentina Farcas (Cleopatra), Ezgi Kutlu (Cornelia) und Theresa Kronthaler (Sesto) schlagen sich tapfer und sorgen auch für einige Höhepunkte. Aber der ganz große Händel-Zauber will sich nicht einstellen ohne die ganz großen Namen.

Fehlen die glanzvollen Stimmen, bleibt von Händel nämlich nicht viel übrig. Seine Libretti sind schwach, die starre Trennung von Rezitativ und Arie lässt heutige Hörer so etwas wie eine sinnvolle Dramaturgie vermissen, woran die problemlos austauschbaren Da capo-Arien mit ihren Wiederholungen nicht schuldlos sind. In all diesen Punkten reicht Händel an Gluck nicht heran. Trotzdem hat er den Zweikampf längst und wohl auch endgültig für sich entschieden. Es ist die unendliche kantable Linie, die ihm immer wieder den Sieg bringt. Aber nur, wenn ein Haus die erforderlichen Sänger bezahlen kann. Die Komische Oper kann das nicht. Die stimmige Inszenierung und das von Konrad Junghänel geleitete, mit kräftigen Farben auftrumpfende Orchester vermögen dieses Manko nur teilweise zu kaschieren. Man verlässt das Haus nach vier Stunden mit dem Gefühl, im falschen Film gewesen zu sein. Der allerdings weitaus sehenswerter ist als die Klamotte mit Liz Taylor.
 

- Volker Tarnow

 
Giulio Cesare in Egitto, Komische Oper Berlin
Nächste Vorstellungen: 11., 14., 27.6. sowie 4. und 9.7.2015

www.komische-oper-berlin.de

 

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