Masse und Klasse

 Les Dissonances

Das George-Enesu-Festival in Bukarest

Diese Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: die Berliner Philharmoniker unter Rattle, die Dresdner Staatskapelle unter Thielemann mit Harteros und Bronfman, das Israel Philharmonic unter Mehta, das San Francisco Symphony unter Tilson Thomas mit Yuja Wang und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Pinnock mit Maria Joao Pires, dazu Kammerkonzerte mit Patricia Kopatchinskaja, Fazil Say, Elisabeth Leonskaja und Anne-Sophie Mutter – es ist ein unglaubliches Staraufgebot, das dieses Festival bietet.
 
Dabei bespielten die genannten Namen nur eine der drei Festivalwochen, in den beiden anderen waren u.a. die Philharmoniker aus Wien, St. Petersburg und Liverpool, das Concertgebouworkest und das London Symphony Orchestra samt zahlreichen Stardirigenten und Solisten zu erleben.

Das wohl am prominentesten besetzte Klassikfestival Europas, wenn nicht der Welt, findet nicht in Salzburg oder Berlin, London oder New York statt, sondern in einer Stadt, die man als Klassikfreund kaum auf dem Schirm hat: in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Übers Jahr ist die Zweimillionen-Metropole nur eine unter vielen Musikstädten, Heimat einer Oper und mehrerer guter Orchester, die sich Musikliebhabern aber kaum als Reiseziel aufdrängt. Wie Rumänien generell einen zwiespältigen Ruf genießt: einerseits märchenhaft schöne Heimat Graf Draculas mit verwunschenen Kleinstädten und trutzigen Kirchenburgen. Andererseits gilt das einstige Reich Ceaucescus und seiner Securitate auch acht Jahre nach dem EU-Beitritt als Armenhaus voller sozialer Probleme.

Aber Rumänien ist eben auch eine alte Kultur- und Musiknation, wofür nicht zuletzt Namen wie Dinu Lipatti und Sergiu Celibidache, Radu Lupu und George Enescu stehen. Der 1881 geborene Geiger, Dirigent und Komponist, der als Wunderkind nach Wien kam, später in Paris wohnte, aber seiner Heimat bis zu seinem Tod 1955 eng verbunden blieb, wird seit 1958 mit diesem Festival geehrt. Seit 2003 wird es alle zwei Jahre, im Wechsel mit dem renommierten Nachwuchswettbewerb, den Enescu selbst 1913 ins Leben gerufen hat, veranstaltet. Künstlerischer Leiter war seit 2003 und bis zum gerade vergangenen Festival der multikulturell aufgewachsene Rumäne Ioan Holender, der als  langjähriger Direktor der Wiener Staatsoper wie kaum ein anderer für bedingungslosen Starkult in der Klassikwelt steht.

Doch das Enescu-Festival ist viel mehr das (wobei gegen ein so phänomenales Staraufgebot ja gar nichts zu sagen ist). Zum einen bringen die Festivalmacher die besten Orchester der Welt dazu, jeweils ein Stück von Enescu auf ihr Programm zu setzen – und erfüllen so ihr erklärtes Ziel, das Werk des bedeutendsten rumänischen Komponisten in die Welt zu tragen. Zum anderen schmuggeln sie zwischen den vielen populären symphonischen und kammermusikalischen Programmen aufwändige Produktionen in den Spielplan, die außerhalb des Festivals nicht möglich wären. In diesem Jahr waren dies die rumänischen Erstaufführungen, in konzertanter Fassung, von Strauss‘ Elektra (mit dem Bayerischen Staatsorchester unter dem souveränen Sebastian Weigle, sängerisch mit Agnes Baltsa, Elena Pankratova, Anne Schwanewilms und René Pape leider durchwachsen) und von Alban Bergs Wozzeck: Der von Leo Hussain geleitete Abend mit Michael Volle, Evelyn Herlitzius und dem hingebungsvoll spielenden Philharmonischen Orchester George Enescu gelang großartig.

Drei Wochen lang finden täglich zwischen zwei und fünf Konzerte pro Tag statt, große Symphoniekonzerte im 4.000 Zuschauer fassenden, stilvollen 60er-Jahre-Charme versprühenden Großen Saal hinter dem einstigen Königsschloss, und abwechslungsreich programmierte Kammerkonzerte im holzvertäfelten Kleinen Saal, außerdem die Reihe zeitgenössischer Werke aus Rumänien, populäre Freiluftkonzerte vor dem Schloss und hochkarätig besetzte kleinere Konzerte im Athenäum, einem wunderschönen, kreisrunden, intimen Konzertsaal aus dem späten 19. Jahrhundert.

Natürlich sind auch viele Sponsoren im Boot, doch das Gros des Etats übernimmt erstaunlicherweise die Stadt Bukarest. Aber wenn man sieht, wie gut die Konzerte besucht sind, scheint das finanzielle Engagement vollauf gerechtfertigt. Für internationale Werbung bleibt vermutlich wenig Spielraum und besteht auch nicht wirklich die Notwendigkeit. Und doch muss man sagen: Dieses Festival ist zu gut und zu hochkarätig besetzt, um allein den Bukarestern vorbehalten zu bleiben.

Zumal auch die rumänische Hauptstadt allemal eine Reise wert ist: Sie besticht mit einer ziemlich kruden, aber nie langweiligen Architektur-Melange: Da finden sich wunderschöne, teils westlich, teils osmanisch beeinflusste historistische Bauten neben düster-eindrucksvollen Kästen der klassischen Moderne. Da findet sich Plattenbau-Bombast aus Ceausescus Zeiten inklusive dem zweitgrößten Bürogebäude der Welt, dem heutigen Parlament, und zwischendrin eine Unzahl kleinerer orthodoxer Kirchen. Es gibt nette Cafés und gute Restaurants mit deftiger Balkankost, und bei nicht mal zwei Stunden Flugzeit (mit Air Berlin) eignet sich Bukarest auch für einen Kurztrip.

Das 23. George Enescu-Festival findet 2017 statt, wie stets im September. Der neue künstlerische Leiter ist noch nicht offiziell verkündet, wobei die meisten Wetten derzeit auf Vladimir Jurowski laufen. Der Berliner wird auf jeden Fall mit Enescus Oper Oedipe das Festival eröffnen, angekündigt sind außerdem die rumänische Erstaufführung von Hindemiths Mathis der Mahler und Enescus Violinsonaten mit Vengerov, Kavakos und Capucon. Wie auch immer, ein paar Tage im September 2017 sollte man sich vorsichtshalber schon jetzt im Kalender freihalten.

www.festivalenescu.ro

 

- Arnt Cobbers

 

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