Prinzip der Guten Hoffnung

 vascodagama

Premierenkritik:
Meyerbeers Vasco da Gama
an der Deutschen Oper Berlin

Keine Frage, die Programmierung Meyerbeers ist derzeit Berlins Opernereignis schlechthin. Die Bismarckstraße lässt damit spielend die gigantische Repertoireverwertungsmaschine namens Staatsoper hinter sich, aber auch die Spaßfabrik in der Behrenstraße, deren Späße inzwischen sattsam bekannt und daher nicht mehr richtig spaßig sind. Das Charlottenburger Haus zeigte im letzten Herbst eine konzertante Dinorah, auf den Vasco da Gama sollen noch Die Hugenotten und Der Prophet folgen. Man hat außerdem ein anregendes Buch vorgelegt, das die Beiträge eines Symposiums über Meyerbeer versammelt (Europa war sein Bayreuth, 19,- €), und man hat ein lautes und positives Presse-Echo gefunden. An dem Berliner Komponisten, der Paris und die Grande Opéra beherrschte, ist einiges wieder gutzumachen, nicht nur wegen der niederträchtigen Verleumdungen seitens Wagners. Eine tolle Erfolgsgeschichte bisher. Aber lässt sich der Vielgeliebte und Vielgeschmähte wirklich auf Dauer durchsetzen? Darüber entscheidet zuletzt das Publikum. Es zeigte sich nach der jüngsten Premiere sowohl begeistert als auch verwirrt. Vasco da Gama ist kein Selbstläufer wie die Bühnenwerke eines Berlioz, Wagner oder Verdi. Seine Schwächen sind genauso groß wie seine Stärken.

Die dramaturgischen Schwächen kann Vera Nemirovas Regiearbeit nicht beheben; Sie unterstreicht eher die Unlogik des zigfach revidierten Spätwerkes, dessen Aufführung Meyerbeer selbst nicht mehr erlebte und das auch nach seinem Tod noch einigen Verschlimmbesserungen unterzogen wurde. Nicht einmal der Originaltitel blieb dem Werk erhalten – es ging als L’Africaine in die Geschichte ein. Leider kann selbst die weitgehende Rekonstruktion der Urfassung nicht alles ins Lot bringen. Denn der Handlung, die keine Höhepunkte aufzubauen vermag, entspricht über weite Strecken – insbesondere im 1. und 5. Akt – der musikalische Leerlauf. Meyerbeer punktet mit kühner Instrumentation und Harmonik, ihm gelingen großartige, anrührende Szenen, aber er verweigert allzu oft seinen Kantilenen die durchschlagende Wirkung, fügt eine Idee an die andere, findet keine geschlossene Form. Was hätte Mendelssohn aus einem solchen Stoff zu machen gewusst! Aber der war, als Vasco da Gama 1851 in Angriff genommen wurde, schon vier Jahre tot.

Es braucht also zur Rettung vor allem eins: fantastische Sänger. Die werden von der Deutschen Oper auch aufgeboten. Robert Alagna (Vasco da Gama) ließ eine Indisponiertheit ansagen, schlug sich dann aber bewundernswert durch die trotz ihrer Lyrismen extrem fordernde Partie. Nino Machaidze (Ines) führte die schönste Stimme des Abends vor, Sophie Koch (Selica) stand kaum dahinter zurück, Markus Brück (Nelusco) trumpfte erneute auf als Liebling des Publikums. Der Meyerbeer-Experte Enrique Mazzola führte das Orchester in die erforderliche Höhe und Tiefe, die Chöre (William Spaulding) prunkten mit machtvoller Präzision. Das Bühnenbild (Jens Kilian) überzeugte, waren auch ein paar knallbunte Beleuchtungsorgien überflüssig. Missfallenskundgebungen erntete nur die Regisseurin, weniger aufgrund der hilflosen, kitschigen Liebesszenen, sondern weil sie den Widerstand der Inder gegen das imperialistische Portugal mit den Tötungsritualen des Islamischen Staates illustrierte. Die Inszenierung umrundete das Kap der Guten Meyerbeer-Hoffnung nur knapp. In so schwieriger, stürmischer See immerhin: ein Erfolg.

 

- Volker Tarnow

 
Meyerbeer: Vasco da Gama, Deutsche Oper Bismarckstraße
Nächste Vorstellungen: 7., 11., 15. und 18.10.2015

www.deutscheoperberlin.de

 

Alle Interviews