Vadim Gluzman: „Die Komponisten jagen mich“

Vadim Gluzman

Vadim Gluzman spielt Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert beim DSO – auf einer ganz besonderen Geige

Während Maxim Vengerov und Vadim Repin, seine Mitschüler bei Zakhar Bron in Nowosibirsk, längst Weltstars sind, ist Vadim Gluzman in Deutschland noch ein Geheimtipp. Dabei ist der in Riga aufgewachsene Israeli, der in diesem Jahr 40 wird, ebenfalls ein ganz wunderbarer Geiger, der zudem ein sehr breites Repertoire pflegt. Arnt Cobbers traf ihn im Mai in Mönchengladbach, wo Gluzman auch das Korngold-Konzert spielte.

Herr Gluzman, Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert wurde von Jasha Heifetz uraufgeführt. Heifetz war in St. Petersburg Schüler von Leopold von Auer. Und Sie spielen die Stradivari, die einst Auer gehörte.
Naja, das ist eine eher imaginäre Traditionslinie – die Geige hat wenig zu tun mit dem Korngold-Konzert. Aber wenn man sich vorstellt, dass der kleine Heifetz genau dieser Violine zuhörte als Beispiel dafür, wie eine Geige zu klingen hat – das ist schon etwas Besonderes.

Wie haben Sie Ihr Instrument bekommen?
Es gibt in Chicago die Stradivari-Gesellschaft, und da hatte man gehört, dass ich ein besseres Instrument brauchte. Eines Tages kam ich von einem Konzert nach Hause, ich wohnte damals in New York, und hatte einen Anruf auf meinem Band: Wir haben eine Geige für Sie. Ich bin nach Chicago gefahren – und seitdem spiele ich das Instrument, seit 15 Jahren.

Warum fiel die Wahl auf Sie?
Die haben einen Pool von ungefähr 20 Geigen, und diese war frei. Ich glaube, das hatte keinen tieferen Grund. Aber es stimmt, meine musikalischen Wurzeln liegen in der romantischen Tradition. Ich bin aufgewachsen mit Oistrach und Milstein und Heifetz, mein Klangideal, mein Ideal einer emotionalen Kommunikation ist dadurch geprägt. Aber seitdem ist so viel mit mir passiert, ich bin eine Mischung aus allem, was ich erlebt habe.

Es ist nicht leicht, Ihnen ein Label zu geben. Schon von der Nationalität her.
Das ist sehr einfach: Ich bin Israeli. Ich bin geboren in der Sowjetunion, kam nach Israel, als ich 16 war, und lebe heute in Chicago. Aber ich weiß, wo mein Zuhause ist: Das ist Israel.

Sie spielen viel Musik baltischer Komponisten. Haben Sie noch eine besondere Verbindung zu Riga, wo Sie aufgewachsen sind?
Oh ja, ich bin regelmäßig da, besuche meine Freunde, gebe Konzerte, und diesen Sommer werde ich dort mit meiner Familie Urlaub machen. Riga ist die Stadt, wo ich zum ersten Mal eine Geige in der Hand hatte, wo ich meine erste Zigarette geraucht und wo ich zum ersten Mal Alkohol getrunken habe – nicht dass alles drei gleich wichtig wäre. (lacht) Ich bin nicht nostalgisch, aber ich habe herzliche Gefühle der Stadt gegenüber. Es gab eine große Musiktradition mit Gidon Kremer, Mischa Maisky, Philipp Hirschhorn, Oleg Kagan, die Luft war freier als im Rest der Sowjetunion. Und als ich mit 14 nach Nowosibirsk kam – so schön es war bei Zakhar Bron, der Totalitarismus dort war ziemlich beeindruckend. Ich wusste natürlich, man sollte keine Fragen stellen. Aber dort sollte man wirklich absolut gar keine Fragen stellen.

Haben Sie tatsächlich erst mit sieben Jahren angefangen zu spielen?
Ja, und das war für mich ein Glück. Meine Eltern waren Musiker, sie wollten nicht, dass ich auch Musiker werde, und hielten mich ab, so lange es ging. Ich bin mit sieben auf eine Musik-Schule gekommen und habe Geige gelernt, weil die Lehrer meinten, das sei mein Instrument.

Das hatten sie an Ihren Fingern erkannt.
Und Sie hatten recht. Letztens kam die ehemalige Direktorin der Schule zu meinem Konzert in Riga. Sie ist sehr alt, und im ersten Moment hatte ich, mit Ende 30!, immer noch Angst vor ihr – sie so ein Margaret-Thatcher-Typ. Ich habe sie gefragt: Wonach haben Sie gesucht, was haben Sie gesehen? Ich kann an der Hand meiner neunjährigen Tochter nichts sehen. Sie lachte nur und sagte: Das war ein Glücksfall. Aber sie haben jeden geprüft – und lagen bei vielen richtig.

Wie sind Sie dann zu Zakhar Bron gekommen?
Er hörte mich in Riga und dann bei einem Wettbewerb in Nowosibirsk und lud mich ein, sein Schüler zu werden. Ich war 14 und wohnte bei meinem Onkel und seiner Familie, das war großartig! Wir waren eher Freunde als Verwandte. Da bin ich früh erwachsen geworden.

Und damit war auch die Entscheidung gefallen, Profi zu werden.
Nein, die fiel am ersten Tag der Schule. Als wir einmal auf der Musik-Schule waren, war das keine Frage mehr.

Hatten Sie sich denn auch in die Geige verliebt?
Ein Kind, das sich in die Geige verliebt? Das gibt’s nicht! In die Musik: ja! Ich habe die Musik geliebt und das Auftreten. Vom ersten Mal. Üben habe ich gehasst, ich habe jede Ausflucht genutzt, und darin war ich sehr erfinderisch. Ich habe alles hinterfragt, das tue ich noch heute, und ich hatte deshalb viel Ärger. Aber ich habe, soweit ich mich erinnere, nie in Frage gestellt, dass ich Musiker oder Geiger werden wollte. Vielleicht weil das einfach entschieden war.

Aus Zakhar Brons Schule stammen viele berühmte Geiger. Warum war und ist er so erfolgreich?
Er ist auf jeden Schüler eingegangen und hat ihm einen ganz eigenen Weg gewiesen. Natasha Prishepenko, die ehemalige Geigerin des Artemis-Quartetts und eine wunderbare Musikerin, war auch meine Mitschülerin. Ich erinnere mich, wir saßen auf den Stufen des Konservatoriums und haben unsere Noten verglichen, wir spielten beide das Vieuxtemps-Konzert Nr. 5. Und die sahen völlig unterschiedlich aus: Fingersätze, Bogenstriche, Ausdruckszeichen, alles war eingetragen und ganz unterschiedlich. Den jeweils richtigen Schlüssel zu finden, das zeichnet jeden guten Lehrer aus. Und ich hatte einige sehr gute Lehrer.

Warum hatten Sie so viele?
Das ist einfach passiert. An einem Punkt hatte ich das Gefühl, ich sei nicht gut genug. Ich war 19 und mein Leben stand auf der Kippe – ich hatte keine Idee, wie es weitergehen sollte. Da traf ich Arkady Fomin, auch aus Riga, bei dem ich dann in Dallas studiert habe. Er ist dafür verantwortlich, dass ich hier sitze. Er hat die Tür hinter mir zugemacht und gesagt: So schnell gibst du nicht auf.

Mit 21 haben Sie den Henryk-Szering-Preis gewonnen. Ihre Karriere ging los – und dennoch haben Sie weiterhin Unterricht genommen, nun bei Dorothy DeLay.
Das war das Sahnehäubchen. Ich bin zu ihr in die Juillard School gegangen und habe sie gebeten: Bereiten Sie mich auf meine Debüts in der Santory Hall und in der Carnegy Hall vor. Das war großartig. Jede Stunde bei ihr war eine Vorbereitung auf die Bühne, oft ohne Instrument und nur mit den Noten, sie zeigte mir Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Und sie gab mir viele Tipps über das Leben als reisender Musiker. Das hat mich enorm weitergebracht, dadurch habe ich viele Klippen umschifft.

Lieben Sie das Leben eines reisenden Musikers?
Ich akzeptiere es. Ich kann nicht leben ohne das, was ich tue. Ich muss auftreten.

Sie kommen viel herum in der Welt.
Aber ich sehe wenig. Die Zeit und meine Dummheit lassen das nicht zu. Meine Dummheit, ein riesiges Repertoire zu akzeptieren. Ich muss Stunden um Stunden üben. Lassen Sie sich nichts erzählen: Geige spielen ist etwas sehr Physisches, man muss die Muskeln trainieren. Jeden Tag, das ist einfach so. Dieses Image des durchgeistigten Künstlers – alles schön und gut, aber das interessiert mich nicht. Ich bin Musiker, Geiger.

Warum spielen Sie denn überhaupt so viel?
Ich bin neugierig. Ich möchte durch die Musik kommunizieren, und ich spüre, dass meine Sensoren am feinfühligsten sind, wenn ich viele verschiedene Dinge auf dem Teller vor mir habe. Ich habe mal nachgezählt: Ich habe in dieser Saison 27 Mal das Tschaikowsky-Konzert gespielt. Das wird nie langweilig, ich verstehe das Werk jedesmal besser. Aber ich bin emotional am offensten, wenn ich heute Beethoven, morgen Korngold und übermorgen Tschaikowsky spiele.

Ist das Korngold-Konzert ein Meisterwerk oder mal eine schöne Abwechslung?
Irgendwas dazwischen. Es ist ein unbekanntes, schamlos schönes Stück, das die Gefahr birgt, zuckersüß zu werden. Aber es liegt an uns, das zu verhindern. Korngold war ein großartiges Talent. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Herr Hitler nicht an die Macht gekommen und Korngold nicht die große Geld-Maschine in Hollywood entdeckt hätte. Nach seiner Sinfonietta, seinem Klavierquintett, seinem Trio oder der Toten Stadt zu urteilen hätte es etwas von außerhalb dieser Welt sein können. Aber vielleicht wäre auch nichts mehr gekommen. Wir wissen es nicht. Seine Beherrschung der Orchesterfarben, seine Vorstellungskraft, die man im Violinkonzert spürt, sind unfassbar. Und der zweite Satz, der ist wirklich ein Meisterwerk. Das Stück ist einfach wunderschön geschrieben, perfekt von der Struktur her, und bietet jede Art von Emotion, die man sich nur wünschen kann.

Sie spielen viel zeitgenössische Musik. Warum?
Stellen Sie sich vor, Joseph Joachim hätte sich nicht um zeitgenössische Musik gekümmert. Wie hätten kein Brahms-Konzert und überhaupt kein Werk für Geige von Brahms.

Das klingt nach Pflicht.
Das ist es auch. Ich finde, es ist die Pflicht von uns Musikern, die Werke zeitgenössischer Komponisten aufzuführen. Und das Publikum entscheiden zu lassen – langfristig gesehen –, was sich durchsetzt. Das ist das erste. Dann kommt hinzu, dass ich neugierig bin. Und das dritte ist, dass ich moderne Musik und neue Musiksprachen mag. Ich bin sehr wählerisch. Ich habe zu Hause bestimmt zehn Kilogramm Noten, die ich noch nicht gesichtet habe. Vielleicht werde ich kein einziges Stück davon spielen. Ich spiele ein Werk nur, wenn ich spüre, da passiert etwas in mir, ich muss es spielen. Das kann ich nicht erklären, das merke ich.

Gehen Sie auf Komponisten zu?
Nein, die jagen mich. Der Brief, den ich hier gerade an der Hotelrezeption bekommen habe, stammt auch wieder von einem Komponisten. Ich versuche aber, so viel wie möglich zu spielen.

Sie geben viele Konzerte mit der Pianistin Angela Yoffe, ihrer Ehefrau. Ist das nicht eine gefährliche Mischung von privat und Beruf?
Wir haben zuerst zusammen Musik gemacht, dann kam alles andere. Es ist nicht einfach. Aber wir sind immerhin 18 Jahre verheiratet. Es gibt zwei große Herausforderungen. Die eine ist: zivilisierte Umgangsformen in den Proben zu wahren – woran wir fast immer scheitern. Die zweite Herausforderung liegt darin, die Probleme nicht aus der Probe ins Familienleben zu tragen. Das schaffen wir zumindest häufig. Aber unsere Tochter weiß, dass es manchmal besser ist, sie verschwindet in ihrem Zimmer und lässt uns in Ruhe.

Versuchen Sie Ihre Tochter von der Musik fernzuhalten?
Ich habe es versucht. Aber Sie sehen ja, wie erfolgreich meine Eltern waren. Meine Tochter hat nun auch angefangen, Geige zu spielen. Mein Gefühl sagt mir, sie wird es nicht professionell machen. Aber sie wächst in einer „normalen“ Gesellschaft auf, anders als Angela und ich, und das ist so erstaunlich und neu für mich, dass ich manches falsch einschätze. Wir werden sie unterstützen, wie immer sie sich entscheidet. Aber wie gesagt: Ich könnte zwar ohne Musik nicht leben, weiß aber auch, welchen Preis ich dafür zahle. Und den kann ich meiner Tochter nicht wünschen.

Ein letztes Wort zu Tugan Sokhiev?
Tugan ist einer meiner Lieblingsdirigenten. Er ist ein wunderbarer Musiker – und er ist ein Operndirigent, das sind die besten Partner. Die haben diese Fähigkeit, einem ein bisschen voraus zu sein, damit man am Zielpunkt exakt gleichzeitig ankommt mit dem Orchester. Und dann das Niveau, in dem er in die Musik eintaucht, und wie er sie dem Orchester und dem Publikum vermittelt! Wir haben uns kennengelernt, als er 18 war, denke ich. Dass er jetzt die großen Orchester dirigiert, überrascht mich nicht. Tugan hat das Zeug, eine der größten Dirigenten unserer Generation zu werden. Ich habe ihn letztens in Chicago mit der vierten Symphonie von Tschaikowsky erlebt, und die Streicher hatte ich noch nie so gehört, das war unglaublich. Sie hätten die Gesichter der Musiker sehen sollen. Einer der Konzertmeister, ein alter, erfahrener Russe, sagte mir hinterher: Die besten Hände seit Kleiber. Solche Leute enthusiastisch zu machen, dazu gehört einiges.
- Arnt Cobbers

 

Sa 22.06. | 20 Uhr | Philharmonie 
So 23.06. | 20 Uhr | Philharmonie

 

Vadim Gluzman (Violine)
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Tugan Sokhiev (Dirigent)

Felix Mendelssohn Bartholdy: Ouvertüre Die Hebriden
Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert D-Dur
Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 Große C-Dur

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