„Ich bin ein ganz intuitiver Mensch“

Skride


Ein  Blind gehört mit Baiba Skride

 

„Zu Hause höre ich alles mögliche, aber so gut wie nie Geigenmusik. Nur wenn ich eine Geige im Radio höre, muss ich zuhören. Aber Geiger zu erkennen, darin bin ich ganz schlecht.“ Stimmt nicht ganz, wie sich beim Blind gehört im Jahr 2009 zeigte. Mal hörte Baiba Skride länger zu, mal äußerte sie sich schnell.
Mit 14 Jahren kam die Lettin aus ihrer Heimatstadt Riga zum Studium nach Rostock, seit Jahren lebt sie nun schon, inzwischen mit Familie, in Hamburg. 2001 gewann sie den bedeutenden Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel, und auch wenn sie nicht mehr Exklusiv-Künstlerin von Sony Classical ist, gehört sie nach wie vor zu den erfolgreichsten jüngeren Geigerinnen. Zuletzt hat sie mit den Osloer Philharmonikern unter Vasily Petrenko die Violinkonzerte von Szymanowski aufgenommen.  

Peter Tschaikowsky: Violinkonzert. Jascha Heifetz, London Philharmonic Orchestra: John Barbirolli 1937. Naxos
Das ist auf jeden Fall eine alte Aufnahme. (lacht) Der Klang ist unheimlich intensiv. So spielt man heute nicht mehr, dabei ist das so schön. Natürlich ist es gut, dass sich das Geigenspiel mit der Zeit wandelt, aber da ist auch eine gewisse Qualität verloren gegangen. Das hängt mit der Bogenhand zusammen. Solch eine rechte Hand hat heute kaum noch jemand. Diese unglaubliche Verbindung der Töne... Das ist so sehr klar vom Aufbau her und vom Klang. Ich mag das Tschaikowsky-Konzert sehr, ich spiele es oft, und jedes Mal fühlt es sich an, als käme ich nach Hause. (Es kommt eine virtuose Stelle.) Ist das Heifetz? So perfekt spielt kein anderer. Man hört kein einziges Geräusch zwischen den Noten. Es gibt Leute, die noch schneller spielen können, aber nicht gleichzeitig so sauber und mit dieser Tonqualität. Das ist schon einzigartig. Mich persönlich stört es oft, dass er alles auf diese Technik aufbaut, er wählt manchmal wahnsinnig schnelle Tempi. ... Diese Stelle hier spielt niemand so schnell. Damals wurde ja nichts geschnitten. Natürlich gibt es Leute, die technisch wahnsinnig gut sind. Aber es geht ja darum, die Balance zwischen der Technik, die heute erwartet wird, und dem Musikalischen zu finden. Und das gelingt nicht so vielen, denke ich.

Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 1 h-moll. Ilya Gringolts 2002. Deutsche Grammophon
Vom Aufbau und vom Klang her geht es in Richtung Barockgeige, aber das ist eine moderne Geige. Ich finde es gut, dass es Leute gibt, die versuchen, diese Musik historisch wiederzugeben. Es ist schön, dass wir heute so viele Möglichkeiten haben und so vieles wissen. Aber mich reizt es nicht. Wenn man auf Darmsaiten spielen will, muss man das auch wirklich mit Überzeugung machen und nicht nur so ein bisschen. Und deshalb habe ich bislang alle Angebote abgelehnt, Beethoven auf Darmsaiten zu spielen. Ich habe davon einfach nicht genug Ahnung. Und es muss auch nicht sein, finde ich. Wichtig ist, dass etwas musikalisch überzeugend ist. Das ist Gringolts? Ach. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich man Bach sehen kann. Ich spiele ihn ja völlig anders. Bei Bach kommt man nie ans Ende. Das ist eine Musik, die die Seele „reinigt“. Ich höre gern die Kantaten, die Passionen. Aber ich empfinde Bach nicht nur als positiv, da streite ich mich immer mit meinem Mann. Es gibt Stücke, da wird es mir zu viel. Da geht es emotional in solche Abgründe, dass ich richtig depressiv werde – und das darf nicht zu viel werden.

Ludwig van Beethoven: Kreutzersonate. Itzhak Perlman, Martha Argerich 1998. EMI
Der Anfang ist mir zu hart. Natürlich ist das eine stürmische Sonate. Aber bei Beethoven ist mir diese Innigkeit wichtig, die Verwundbarkeit des Menschen, diese feinen Gefühle, die man etwa bei Oistrach am Anfang hört, das fehlt mir hier. Das spielt ein Mann, oder? Es gibt Frauen, wo die Grenzen verschwinden wie bei Anne-Sophie Mutter, aber meist merkt man, ob ein Mann oder eine Frau spielt. Frauen haben kleinere Hände und weniger Kraft in der Bogenhand. Und Männer fühlen auch einfach anders als Frauen, das kann man nicht leugnen. ... Aber insgesamt finde ich die Aufnahme überzeugend. Beim Klavier mag ich das nicht beurteilen, ich habe gar nicht so viel Erfahrung mit Pianisten. Sonaten spiele ich meist mit meiner Schwester Lauma, ich bin sehr treu. (lacht) Das ist Perlman? Ich habe mich nie an ihm orientiert. Ich hatte überhaupt nie ein Vorbild, ich habe immer versucht, von mehreren Geigern etwas mitzunehmen. Natürlich ist es beeindruckend, wie Perlman spielt. Aber sein Spiel löst bei mir nicht so viel aus, wie wenn ich zum Beispiel Oistrach höre. Das sind Feinheiten, die kann man nicht in Worte fassen. Ich möchte die zehn Beethoven-Sonaten gern als Zyklus spielen und vielleicht auch aufnehmen. Mit Lauma erarbeite ich sie mir nach und nach, jetzt [2009] habe ich mich gerade an die zehnte gewagt, die die innigste und wohl auch die schwierigste ist.

Jean Sibelius: Violinkonzert. Ginette Neveu, Philharmonia Orchestra, Walter Süsskind 1946. Dutton
Ach, dieser Anfang, der ist so magisch... Wieder dieser Klang. Da ist so eine Wärme. Ist es Christian Ferras? Den mag ich sehr gern. ... Das gefällt mir sehr gut. Das ist eine Frau? Dann ist es Ginette Neveu. Die musste sich ja nun allein unter vielen Männern behaupten. Sie hat einen sehr männlichen Klang. Aber ich mag ihr Spiel sehr, auch wenn vieles aus heutiger Sicht übertrieben wirkt. Da ist so viel Wärme und Leidenschaft und Überzeugung. Das Brahms-Konzert mit ihr ist eine meiner Lieblingsaufnahmen.

Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1. Vladimir Spivakov, Gürzenich-Orchester: James Conlon 2000. Capriccio
Das ist sehr schön gespielt, aber ich mache den Anfang viel zurückhaltender. Ich versuche eine Atmosphäre zu schaffen, in der noch nicht klar ist, was kommt. Es öffnet sich ja dann sehr schnell. Aber das hier ist mit sehr schönem Klang gespielt, gefällt mir gut. Schostakowitsch war schon früh sehr wichtig für mich. Wenn man als Teenager Liebeskummer hatte oder verzweifelt war, dann war Schostakowitsch da, mit dem man sich zu Gott beschweren konnte. Diese Musik ist so mitreißend und oft auch so böse, da kann man seine eigene Bosheit loswerden, da kann man alles rauslassen, was sich aufgestaut hat. Schostakowitschs Los ist so traurig, aber auch faszinierend, weil er es trotz aller Repressionen geschafft hat, in der Musik zu sagen, was er sagen wollte. ... Ich habe neulich per Zufall wieder meine Aufnahme gehört und dachte: O je, das ist langsam. (lacht) Das war gar keine Absicht, das ergab sich so im Konzert. CDs zu machen ist schön, aber auch beängstigend: Das ist das, was von dir in die Welt hinausgeht und bleibt. Ich bin ein intuitiver Mensch. Ich beschäftige mich schon mit den Hintergründen eines Werkes, aber ich nehme die Welt nicht analysierend, sondern intuitiv auf. Vielleicht ändern sich meine Interpretationen deshalb stärker von Tag zu Tag. Natürlich gibt es einen Rahmen, den man sich erarbeitet hat, aber man erfährt und erlebt ja jeden Tag etwas Neues von der Welt. Und wir Musiker haben diesen wunderbaren Weg, unsere Emotionen zu verarbeiten.

Alfred Schnittke: Concerto grosso Nr. 5. Gidon Kremer, Wiener Philharmoniker: Christoph von Dohnányi 1991. Deutsche Grammophon
Das ist Kremer! Er hat dieses Flüstern in seinem Ton. Wir haben mehrmals zusammen gespielt und verstehen uns gut, aber eine besondere Beziehung verbindet uns nicht. Wenn er nach Riga kam, war das eine Art Volksfest unter Musikern. Er war für die lettischen Geiger ein Nationalheld. Aber ich bin ja schon früh weggezogen, wir haben uns erst viel später auf seinem Festival in Lockenhaus kennen gelernt. – Ich spiele Schnittke sehr sehr gern. Aber ich kann ihn nur in Maßen genießen, weil diese Musik zum Teil so verstörend ist und sich so ins Gehirn einbohrt. Neue Musik spiele ich nicht so viel, da bin ich sehr wählerisch. Ein Werk muss eine Substanz haben, die mir nahe geht. Das Ligeti-Konzert finde ich beeindruckend, das Vasks-Konzert spiele ich sehr gern. Und ich schaue gerade, welcher Komponist etwas für mich schreiben könnte.

Peteris Vasks: Klaviertrio Episodi e Canto perpetuo. Trio Parnassus 2007. MDG
Das habe ich sehr oft gespielt. Nicht mit meinen Schwestern – die zweite ist leider Bratschistin (lacht). Aber oft mit Sol Gabetta. Das ist ein sehr beindruckendes Werk. Das Publikum reagiert am Anfang eher verwundert, aber nach dem Schlussakkord sind sie hin und weg. Leider weigert sich Vasks bislang, ein Violinkonzert für mich zu schreiben. Er sagt, er hat ja schon eins geschrieben. Ich liebe seine Musik, sie ist mir sehr nah. Was das Lettische daran ist? Die Atmosphäre, die vielen Farben, diese emotionalen Schichten. Und die Melancholie. Natürlich, ich bin auch sentimental und melancholisch, das sind alle Letten. (lacht)

- Arnt Cobbers 2009
 

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